Fotografie

Mein erstes Mal auf einem Fotomarathon

Wer mir auf Instagram folgt, hat sicher mitbekommen, dass ich vor einigen Tagen viel in Aschaffenburg unterwegs war, mehr als sonst – nämlich auf dem Fotomarathon Aschaffenburg. Dieser ging dieses Jahr bereits in die vierte Runde und während ich die vergangenen Jahre immer nur Ergebnisse auf Facebook sah, war ich dieses Jahr das erste Mal selbst aktiv dabei.

So wie mir ging es noch einer Menge anderer Menschen, genauer 96. Sechsundneunzig Fotoverrückte, die einen Tag durch Aschaffenburg rennen und Fotos machen. Apropos einen Tag durch die Stadt rennen: wie läuft so etwas überhaupt ab? Hier eine kleine Übersicht:

  • jeder Teilnehmer bekam eine Startnummer und einen Zettel mit wichtigen Informationen und den Regeln
  • danach ging es erst zu einem Gruppenfoto in den nahe gelegenen Park, danach wurden die Themen verteilt
  • In der Zeit zwischen 11 und 18 Uhr war nun Zeit, die 12 Themen fotografisch umzusetzen. Wichtig hierbei: die richtige Reihenfolge der Fotos und, dass sie direkt als JPG in der Kamera aufgenommen und nicht nachbearbeitet werden

Und dann ging es los. Ich hatte im Vorfeld etwas Bammel, den auch wenn ich mich ganz gerne kreativ austobe, so verläuft das doch meist trotzdem in „geordneten Bahnen“ (kann man das dann noch austoben nennen?), sich zu 12 Themen und einem Überthema Gedanken zu machen und diese fotografisch umzusetzen….schwierig. Tatsächlich jedoch hatte ich Glück. Wieso? Seht selbst:

Nun sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich ein ziemlich großer Filmnerd bin. Das geht soweit, dass ich über sämtliche Filme, welche ich gucke, online Tagebuch führe, Rezensionen zu besonders guten oder schlechten verfasse, Listen erstelle, fast wöchentlich in Sneak Peaks gehe und auch ansonsten nicht gerade wenig Filme (und Serien) gucke. Kurzum: mein Thema!

Trotzdem musste ich auch hier nach der ersten Euphorie kurz schlucken – einige Filme auf der Liste waren mir gänzlich unbekannt. Welche das sind, erzähle ich gleich weiter unten. Ich machte mich dann erst einmal auf den Weg zu einem schönen Plätzchen, um die unbekannten Filme zu googlen und das eine oder andere Bild auf Instagram zu teilen. Dann noch die Kamera auf Wettbewerbseinstellungen gesetzt und los…halt stopp. Dieser Punkt ist nicht wirklich passiert – denn tatsächlich habe ich in meiner Euphorie auch hier vergessen, meine Settings zu checken – so stand die Kamera noch auf RAW-Aufnahme, was mir aber erst nach dem dritten Bild auffiel. Insoweit sehr ärgerlich, als dass ich alle drei Situationen nicht mehr komplett reproduzieren konnte – aus zeitlichen Gründen aber auch wegen des  Wetters. Jetzt aber mal langsam auf zu den Bildern…ich verlinke euch jeweils den Film bei Wikipedia zum nachlesen:


Die Vögel

Ein – wenn nicht der – Klassiker von Alfred Hitchcock. Hier war ich wirklich unschlüssig, gehe ich das ganz offensichtlich an und fotografiere ein paar vorbeifliegende Vögel oder versuche ich, das größere Thema des Films abzulichten. Am Ende entstand ein Bild, was im ersten Anlauf (als RAW) deutlich besser war, aber auch so schon ganz ok taugt.

Leider habe ich trotz langem Warten nicht die Situation „reproduzieren“ können, welche mein erstes Bild bot: drei Tauben, symmetrisch verteilt und mit absolut starr und gleich nach vorne gerichteten Köpfen. Quasi in Angriffsstellung. Aber auch so ist das ganz ok. Düster, dunkel, etwas wie der Film.


Das 2. Gesicht

Dies war der erste Film, welchen ich nicht kannte. Also flugs gegooglet und festgestellt: geil, muss ich sehen! Hier habe ich dann fotografisch so einiges überlegt, Verkehrsknotenpunkte, eine Straße von oben von einer Brücke (im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich dies nicht umgesetzt habe, es gibt hierfür die perfekte Brücke und Straße überhaupt) – am Ende wurde es etwas metaphorisch.

Der Eingang zu einer Keller-Disco. Am Tag nur ein Holzverschlag, bei Nacht das tobende Leben, Menschen bei Tag gepflegt hinter dem Bankschalter, bei Nacht Partyanimals. Und auch hier ist das mit dem RAW echt schade – lief dort doch eine Person perfekt durch’s Bild, mit leichter Bewegungsunschärfe dank längerer Verschlusszeit und enorm kleiner Blende. Beim zweiten Anlauf wollten keine Menschen mehr vorbeischauen – also wurde es dann ein Stilleben mit offenerer Blende und harten Kontrasten.


Oben

Ein Pixar-Film, den ich zu meiner Schande immer noch nicht gesehen habe. Die Thematik kennt man dennoch, ansonsten liest man sie nach. Hier werde ich nun das letzte mal über meinen RAW-Fail lamentieren: denn das Bild im ersten Anlauf war hier wirklich perfekt, das im zweiten eher so meh.

Im ersten Anlauf hatte ich mit einer sehr offenen, 1.4er, Blende gearbeitet, der Kran stand parallel zur langen Bildkante und zog gerade etwas nach oben, der Himmel war wolkig aber trotzdem mit Sonne dazwischen. Durch die offene Blende und Fokus auf dem Kran gab es einen leicht unscharfen Wolkenhimmel mit schönem Bokeh-Spiel in den Wolken. Kurzum: ein Träumchen!

Nun ist es halt ein grau-in-grau-Bild. Und aus der 1.4er-Blende wurde eine f8, um den Sterneffekt hinzubekommen, damit wenigstens etwas daran „besonders“ ist.


Auf der Straße

Dies war der zweite Film, bei dem mir das Internet weiterhelfen musste. Am Ende wurde das Bild dennoch sehr direkt auf den Titel bezogen.

Dies ist auch das einzige Bild, in welchem Menschen vorkommen. Das hat drei Gründe:

  • ich hasse Menschen (running-Internet-Gag)
  • Menschen muss man um Erlaubnis bei Fotos fragen. Das wollte ich vermeiden, besonders bei einem heiklen Thema wie diesem
  • Menschen sind unberechenbar. Wie schon im 2. Bild kommt es hier auf sehr viel Glück in der Situation an. Natürlich hätte ich auch zu zweit antreten können, mir einen Freund schnappen und sagen „lauf mal durch’s Bild“. Tatsächlich wollte ich aber „authentische“ Street-Fotos, ohne gestellte Situationen, ohne Arrangements von Dingen. Das habe ich bei allen Bildern bis auf #13 auch umgesetzt

Trotzdem finde ich die Menschen in diesem Bild wichtig. Obviously dreht es sich um die Person in der Mitte, doch auch die Vorbeilaufenden sind wichtig. Hier hätte ich gerne mit einer längeren Verschlusszeit gearbeitet um ein vorbeifließen der Menschen um die Person auf der Straße zu zeichnen – ich trat aber auch irgendwie bewusst ohne viel Technik nur mit Kamera + 35mm an. Authentisch oder so.


Feuchtgebiete

Ein tolles Thema. Nicht weil der Film besonders toll wäre (ist er wirklich nicht), sondern weil man hier sehr viel herein interpretieren kann. Ich lasse euch aber erst einmal mein Bild da:

Habt ihr erkannt, was es ist? Genau: ein Pissoir auf einer Herren-Toilette. Genauer auf einem öffentlichen WC. Auch hier habe ich eine Menge Fotos gemacht bis ich am Ende durch Zufall auf dem Boden lag (bäh!) und das Lichtspiel auf der Oberkante und den Helligkeitsverlauf sah. Feuchtgebiete, irgendwie offensichtlich, oder?


Halt auf freier Strecke

Der nächste Film, den ich nicht kannte, der nach Lesen des Wikipedia-Eintrages aber sofort auf meiner (sehr langen) Watchlist landete. Hier sage ich nicht viel zu, bin eher gespannt, ob ihr den Zusammenhang erkennt.


Alles steht Kopf

Wieder Pixar, wieder habe ich ihn nicht gesehen. Ich habe einiges nachzuholen.

Das Bild entstand auf unserem Volksfestplatz, wo zu diesem Zeitpunkt auch tatsächlich Volksfest war. Ich fuhr mit meinem Rad (was mir an diesem Tag unglaublich gute Dienste erwiesen hat) dorthin in Erwartung, all die Überkopf-Fahrgeschäfte in Aktion zu sehen und eines davon ablichten zu können, wie es über Kopf steht und durch das gedrehte Bild aber wieder richtig steht.

Tja, die Rechnung habe ich ohne die Tageszeit gemacht: ich war viel zu früh, alles öffnete erst um 14 Uhr. Trotzdem steht mein Bild nun Kopf und das Fahrgeschäft auch, aber irgendwie nicht. Wolkenkratzer mal anders.


8 Blickwinkel

Das war ein Titel, bei dem ich sehr lange gesucht habe. Mir wollte einfach keine zündende Idee kommen, was auch daran lag, dass mich der Film überhaupt nicht ansprach. Ein alltäglicher amerikanischer Thriller, nichts besonderes, schon oft gesehen oder so ähnlich.

Dann dachte ich mir: schon oft gesehen und alltäglich – was könnte das sein? Und wie bringe ich die gewisse Spur „doch etwas anders als sonst“ hinein? Nun, das ist das Ergebnis:

Wer findet die 8?


Grasgeflüster

Was ein witziger Film! Zumindest liest sich die Beschreibung so. Es geht ums Gärtnern, ums Anbauen von Pflanzen und Verkaufen von Gras. Dass Gras im Bild auftauchen musste, war mir von vornherein klar – nur wie bringe ich „Gras“ mit rein? Dann die Idee: die Location des schönsten Festivals der Welt. Das vielleicht ein wenig alternativ angehaucht ist. Aber nur etwas.

Was das mit „Gras“ zu tun hat? Ich habe keine Ahnung.


Das weiße Band

Ein schwieriger Film mit einem schwierigen Thema. Ich wollte hier den kirchlichen Aspekt hinein bringen aber den Fokus auf das setzen, worauf auch der Film ihn oft setzt: die Kinder. Ich hoffe, dies ist mir gelungen.

Im Vordergrund ein Spielplatz mit verlassenem Drehteil (sic!), im Hintergrund der Turm eines Klosters. Kirche. Dass es im Film auch um Missbrauch geht und auf der Drehscheibe ein Penis aufgemalt ist, war ein „netter“ Zufall.


Die Brücke

Auch das ein durchaus nicht einfacher Film, keine leichte Kost. Einfach eine Brücke zu fotografieren wäre nicht nur zu einfach gewesen sondern hätte dem Ganzen auch nicht die nötige Würde demonstriert. In Aschaffenburg gibt es einen Platz, auf dem vor dem 2. Weltkrieg einmal eine Synagoge stand. Daneben gibt es einen Brunnen, der sich dieses Themas ebenfalls annimmt. Wasser, Brücken führen über Wasser, das ist mein Bild zu diesem Film.


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Das Fenster zum Hof

Hier kann man wohl das alte Sprichwort „Das Glück ist mit den Dummen“ anbringen. Ich hatte einen Hinterhof im Kopf, der einfach gut aussieht, ohne dass er etwas besonderes gewesen wäre. Zudem hätte ich auch einen Rollstuhl gebraucht. Mir saß etwas die Zeit im Nacken, da ich anschließend einen Fotoauftrag hatte. Also auf zum Hinterhof – und dann erstmal verlaufen. Ich bog einen Hof zu früh ein und wurde dafür hiermit belohnt:

Unverdient? Definitiv. Ungerecht? Vielleicht. Supergut? Auf jeden Fall!


Da geht noch was

Auch diesen Film kannte ich nicht. Es geht hierbei um eine Vater und seinen Sohn, der nach jahrelanger „Ignoranz“ des Vaters sich dann doch seiner annimmt und sich um ihn kümmert. Da geht also noch was. Wie bei einem zerknitterten Blatt Papier, das im Laufe der Jahre schon viele Falten abbekommen hat, streicht man es glatt und gibt sich Mühe, so geht aber auch da noch was.

Neuanfang, eine neue Chance, noch alles offen, wieder alles möglich, ein unbeschriebenes Blatt. Das verbinde ich mit diesem Bild zum Film


Das war er also – mein erster Fotomarathon. Ich muss sagen, es war nicht immer einfach, sich konzentriert über mehrere Stunden mit so vielen Themen auseinander zu setzen. Dazu war es noch sehr heiß, ich ohne Wasser nur mit dem Fahrrad und zu Fuß unterwegs und auch noch mit Zeitdruck. Nicht optimal – aber ich bin doch zufrieden. Ich habe keine Ahnung, ob ich mit diesen Bildern jemanden überzeugen kann, ich weiß nicht einmal, was im Falle eines Gewinnes dieser wäre, ist mir auch egal. Ich wollte einmal an so etwas teilnehmen und das hat sich gelohnt!

Auch wegen der tollen Orga, dem angenehmen Miteinander und dem Gefühl, dass da noch ganz viele andere Menschen unterwegs sind, die für Fotografie brennen und alle auf ihre Art etwas Neues, etwas Tolles, etwas Kreatives kreieren. Das ist schön.

Nächstes Jahr bin ich wieder dabei!

Jetzt würde mich aber interessieren: wie findet ihr die Bilder und meine Gedanken dazu? Schreibt doch gerne einen Kommentar! 🙂

Außerdem haben noch mehr Teilnehmer über den Fotomarathon gebloggt, die ich an dieser Stelle verlinken möchte, damit ihr euch einen weiteren Eindruck von den Erfahrungen Anderer machen könnt!

Moni / Melanie / Hans-Jürgen /

Mehr Bilder vom Event an sich gibt es übrigens auf der offiziellen Facebook-Seite des Fotomarathons oder hier unten eingebettet:

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Tobias Hage

21 Jahre junger Fotograf aus Aschaffenburg mit einer großen Liebe für's Reisen, Musikmachen und natürlich Fotografieren.

2 COMMENTS
  • Susanne
    Antworten

    Da hst Du Dir aber viel Mühe gemacht, sowohl beim Nachdenken, beim Fotografieren und beim Schreiben dieses Posts. Eine echte Fleißarbeit. Ich bin kein großer SW-Fan, aber einige Bilder gefallen mir dennoch sehr: das Pissoir ist klasse in seiner Reduktion, ich mag Pars-pro-toto-Fotos. Das gilt auch für das weiße Blatt. „Auf der Straße“ ist ein schönes Beispiel für Streetfotografie mit hervorragendem Aufbau (wobei ja gar nichts „aufgebaut“ ist). Vermisst habe ich ein paar Anmerkungen dazu, wie es ist, mit so vielen Leuten durch eine Stadt zu hetzen. Seid Ihr Euch nicht gegenseitig auf die Füße getreten. Und weißt Du etwas darüber, wie andere die Aufgaben umgesetzt haben?

    1. Tobias Hage
      Antworten

      Moin Susanne 🙂 herzlichen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich sehr, wenn ich sogar dich als nicht-Fan von b&W-Fotos überzeugen konnte. Tatsächlich fotografiere ich auch primär farbig, für den Tag wollte ich mich aber in vielen Punkten reduzieren (nur eine Linse mit Body, keine Hilfsmittel wie Stative etc.) und das auch mit den Farben zeigen. Wobei s/w ja nicht unbedingt immer nur eine Reduktion sein muss…

      …wie das mit so vielen Leuten ist: witzig. Es hat mich ein wenig an das letzte Jahr erinnert, als die halbe Welt im Pokemon Go Fieber war. Jeder, der dir mit Smartphone auf der Straße begegnet wird gemustert und ist ein potentieller „Verbündeter“, ähnlich fühlte sich das mit Menschen die Kameras tragen an. Auf die Füße getreten bin ich zumindest nicht so vielen, was aber auch daran liegt, dass die meisten Orte, an denen ich war, eher unbekannt sind, kleine Ecken, die man nicht so kennt oder wo man nur zufällig rein stolpert. Deshalb bin ich auch auf keinem der offiziellen Fotos drauf, einfach weil ich nur wenige andere Teilnehmer des Marathons sah. Wollte den Tag sowieso für mich nutzen, Zeit nehmen im Alltagsstress um einmal für mich wieder auf kreative Entdeckungstour zu gehen, durch eine Kleinstadt, die mir irgendwie gleichzeitig verhasst ist aber auch sehr lieb. Das hat geklappt und allein deshalb hat es sich schon richtig gelohnt 🙂

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